Süsses geht immer #3 Düfte

Düfte

Die Familie hat sich zum alljährlichen Weihnachtstreffen am zweiten Feiertag nach Heilig Abend, der wie immer bei Tante Helene und Onkel Egon in deren Wohnzimmer stattfindet, eingefunden. Am Tisch stehen vorbereitet Kaffeetassen, Kuchenteller, unzählige Kaffeelöffel, Kuchengabeln, ein übervoller Teller mit Weihnachtsgebäck, kitschiger Weihnachtstisch-Deko und alles, was es braucht, um den Stefanitag feierlich im Kreise der Familie zu verbringen. In der Tischmitte thront ein riesiger Aschenbecher aus feingeschliffenem Bleikristall. 

Onkel Franz trägt wie immer Anzug. Er ist Vorstandsvorsitzender einer Bank und sitzt selbstverständlich am Kopf des Tisches und ebenso so selbstverständlich packt er zwei dicke „Havannas“ aus einem Lederetui und nimmt einen kräftigen Schluck von seinem, als Geschenk mitgebrachten, Cognac. Seine attraktiv wirkende dritte Ehefrau Charlotte, eine Ansammlung ästhetischer Gemeinplätze mit zu viel Make-up, sowie sonstigem modischen Bemühungen, sitzt neben ihm und lächelt in die Familien-Runde, während sie  lasziv an ihrer dünnen Slim-Zigarette zieht. Gleich neben ihr sitzt Cousin Stefan. Sein kreativer Umgang mit der eigenen Biographie schien ihm ebenso angeboren zu sein, wie sein Charme, der vielerorts als schmierig bezeichnet werden könnte. Vor ihm eine Packung Tabak, neben Zigarettenpapier, Filter-Tips und etwas, das aussieht wie getrocknetes Basilikum. 

Rechts von ihm sitzt Onkel Peter. Er liebt das Rauchen, wie man Lyrik oder die Malerei liebt, ohne selbst Künstler zu sein. Seine reichlich verzierte  Meerschaum-Pfeife verströmt einen patriarchalen, nach Whiskey und Moschus duftenden Rauch. 

Dann Cousine dritten Grades Sandra, deren Beine dünner scheinen als ihre Arme, deren Gesicht auf physiognomischen Schautafeln des 19. Jahrhunderts als Musterbild des Sanguinikers hätte dienen können – sie hat sich vor vielen Jahre schon für die guten alten Mint-Zigaretten entschieden – welche sie jetzt genüsslich befeuert. 

Ganz am Ende des Tisches sitzt Onkel Egon. Er lächelt seine Familienmitglieder an und packt eine silbern, matt schimmernde Blechdose aus. Die Anderen am Tisch lächeln mitleidig, weil Onkel Egon war immer schon etwas schräg. Als er seine Schuljausendose öffnet, verströmt es den beißend, stechenden Geruch von wunderbar reifem Olmützer Quargel im Raum. 

Onkel Franz echauffiert sich lautstark über diesen olfaktorischen Terrorakt. Seine Frau Charlotte versprüht D&G LaLune um sich, um den Gestank zu vertreiben. Cousin Stefan droht Onkel Egon Prügel an, wenn dieser nicht sofort die stinkende Scheiße wegräumt und Onkel Peter legt seine Pfeife zur Seite, um sich ein weißes Taschentuch vor die Nase zu halten. 

Onkel Egon sieht lächelnd in die familiäre Runde sagt: „Hat nicht jeder ein Recht auf seinen Duft?“

 

Pippilotta Blumenthal

Eine Meinung zu beinahe allem, bissiger Humor und schonungslose Ehrlichkeit. Please welcome Frau Pippilotta Blumenthal – exzentrische Meinungsträgerin, die uns an dieser Stelle an ihren Ansichten zur Welt teilhaben lässt. Den passenden Wein gibt’s immer mitgeliefert – schließlich pipperlt Pippilotta nicht nur gerne, sie versteht Wein auf ganz besondere Art und Weise!