Süsses geht immer #5 Der Verlust der Kochkunst?

Ein Pro und Kontra von Egon Mandelbaum und Pippilotta Blumenthal

Die Leute kochen nicht mehr

von Egon Mandelbaum

Gefühlt ernährt sich jeder in meiner Blase von „Foodora“ und „Sushi-Sushi Mj.., ….., …..“ (Werbung kann so grausam sein). Und wenn dann die Liebe durch den Magen geht, ist die Beziehung wahrscheinlich auch Kacke. Im durchschnittlichen österreichischen Haushalt wird pro Tag 20 Minuten gekocht. Was deshalb absurd wirkt, zumal die kürzeste Kochsendung 25 Minuten dauert.  Das bedeutet, die Leute schauen länger Kochsendungen als sie selbst kochen.

Viele dieser KochverweigerInnen behaupten, dass sie nicht kochen können. Das ist nicht nur dumm sondern auch gefährlich. Dumm, weil es eine Schutzbehauptung ist. Viele Menschen in unserer Dienstleistungsgesellschaft wollen nicht kochen, weil sie nicht müssen. Foodora sei Dank.

Gefährlich, weil durch die Verweigerung handwerkliches zu lernen, Kulturgut und Kulturtechniken verloren gehen. Wenn niemand mehr weiß, wie man Kärntner Kasnud’ln randelt, oder Steirisches Wurzelfleisch oder Vorarlberger Kässpätzle von Hand zubereitet, dann geht ein Stück Kultur und eine Jahrhunderte alte kollektive Erinnerung verloren. Mit dem Verlust der Kochfähigkeit, verliert die Menschheit die sensorische Referenz für das individuell Gekochte. Daher sage ich: Selbst Kochen ist Pflicht.

Die Leute kochen wieder!

von Pippilotta Blumenthal

Selbstgemacht, mit lauter frischen Sachen – das schmeckt sowieso am besten. Und es tut uns gut. Kochen und Essen hat viele andere Themen des täglichen Lebens abgelöst. Wir machen uns heute Gedanken wasauf unserem Teller kommt und woheres kommt. Wir konsumieren keine Supermarktprodukte mehr, sondern Lebensmittel vom Bio-Laden – je regionaler desto besser.

Das Politischste, was du in der Küche tun kannst, ist selber kochen.  Der Bioboom spricht dafür, dass die Leute sich besser ernähren wollen. „Besser“ im Sinne von: verantwortungsvoller, was zum Beispiel die Tierhaltung oder den CO2 Abdruck angeht – Erdäpfel aus Ägypten sind unsexy. Kochen ist nicht nur mehr Nahrungsaufnahme, sondern eine politische Haltung geworden. Wir stehen vor einer kulinarischen Revolution: vor einer Revolution, in der sich gutes, bewusstes Essen durchsetzt – zum Wohle der Welt.

Essen und kochen ist zum zentralen Thema der urbanen, modernen Alltagskultur geworden. Bei einer Umfrage unter  14- bis 18-Jährigen bekannten sich neun von zehn zu ihrer Kochbegeisterung. The Kid’s are alright und kochen ist Lifestyle!

Lasst uns reden. Nicht über Wein, sondern zu Wein